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Digitale Totalprothetik 2026 - Teil 2

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Digitale Totalprothetik ist ein vielschichtiges Thema:

klinisch, technologisch und patientenbezogen zugleich. In einem Umfeld aus demografischem Wandel, multimorbiden Patienten und komplexen Prothesen-Biografien gibt es keine Einheitslösung – sondern eine Entscheidungslogik auf vier Ebenen.

Teil 1 hat sich mit den ersten beiden Ebenen befasst: Diagnostik und Behandlungsstrategie. Teil 2 widmet sich nun der Datenerfassung und Validierung.

Digitale Totalprothetik 2026: Datenerfassung und Validierung

Dr. Michael Berszin, Zahnarzt mit Schwerpunkt digitale Prothetik

Die Behandlungsstrategie steht (Teil 1), doch damit ist die klinische Entscheidung nicht abgeschlossen. Zwei weitere Fragen stellen sich unabhängig davon, welcher Weg eingeschlagen wurde: Wie werden die klinischen Daten erfasst? Und wie wird das Ergebnis abgesichert?

Schritt 3: Datenerfassung

Unabhängig von der Strategie stellt sich eine zweite Frage: Wie wird die Situation erfasst? Ob Neuanfertigung oder Referenzprothese – die Frage nach dem Arbeitsmodell stellt sich separat und sie verdient eine eigenständige klinische Antwort.

Funktionsabformung

Die funktionelle Abformung bleibt in vielen Situationen das klinisch verlässlichste Verfahren. Ihr entscheidender Vorteil: Das Ergebnis ist unmittelbar überprüfbar. Der spätere Saug- bzw. Prothesenhalt lässt sich bereits während der Abformung einschätzen. Die Verantwortung wird nicht in das Labor oder bis zum Try-in verschoben, sondern bleibt in der Praxis. Gerade im Unterkiefer und bei komplexen Verhältnissen bleibt die Funktionsabformung das Verfahren der Wahl.

Schleimhautscan

Der Schleimhautscan bietet klare Vorteile:

  • berührungsarme, schnelle Erfassung
  • kein Aspirationsrisiko
  • pausier- und korrigierbar, ohne Zeitdruck bei der Erfassung
  • spannungsfreie Darstellung der Anatomie

Der Intraoralscan ersetzt die Funktionsabformung nicht grundsätzlich. Beide Verfahren haben ihre Indikation und ihre Grenzen. Im Oberkiefer ist er bei geeigneten Verhältnissen gut reproduzierbar. Unter erschwerten Bedingungen (Schluckstörungen oder eingeschränkter Lagerungsfähigkeit) ist der Scan oft die praktikablere Lösung. Im Unterkiefer bleibt er limitiert. Kritische Strukturen sind häufig nicht ausreichend erfassbar. Unabhängig davon: Der Schleimhautscan kann in jedem Fall als Erstabformung dienen – ob er anschließend direkt als Arbeitsmodell oder als Basis für den individuellen Löffel genutzt wird, entscheidet die klinische Situation.

               Der Scan ist kein Kompromiss – er ist ein Verfahren mit eigener Indikation. Die klinische Entscheidung zwischen Abformung                   und Scan folgt der Patientensituation, nicht der verfügbaren Technologie.

Hybridlösungen: Pragmatismus als klinische Kompetenz

Zwischen reiner Scan-Erfassung und vollständiger Funktionsabformung gibt es pragmatische Zwischenwege, die besonders in der mobilen Zahnmedizin (z. B. Pflegeheime) eine Rolle spielen können.

             Die Kombination der Vorteile eines statischen Schleimhautscans und der funktionellen Ausformung der Prothesenränder ist                   Gegenstand aktueller Forschung.

Möglicher klinischer Ansatz: Die Schleimhaut wird gescannt und darauf basierend ein individueller Try-in-Löffel gedruckt. Anschließend werden nur die funktionellen Randbereiche abgeformt. Das reduziert die Belastung für den Patienten und ermöglicht gleichzeitig eine kontrollierte Randgestaltung. Die Evidenz ist begrenzt. Derartige Ansätze sind keine Standardprotokolle, sondern Ausdruck klinischer Anpassungsfähigkeit.

Kieferrelation und Einprobe

Unabhängig von Behandlungsstrategie und Datenerfassung gilt für die Kieferrelation ein Grundsatz, der durch keinen Workflow relativiert wird:

             „Eine falsche Kieferrelation bleibt falsch – unabhängig vom Herstellungsweg."

Vertikale Dimension, horizontale Kieferrelation und Okklusion müssen intraoral validiert werden. Phonetik, Ästhetik, Lippenstütze und klinischer Gesamteindruck sind die maßgeblichen Kriterien. Selbst höchste digitale Präzision in der Fertigung kann eine klinisch falsch erfasste Relation nicht kompensieren.

Die Einprobe ist in allen klinisch relevanten Situationen unverzichtbar. Sie ist keine optionale Maßnahme, sondern funktionelle Qualitätssicherung – und damit ein fester Bestandteil des Behandlungsweges, unabhängig davon, ob digital oder konventionell gearbeitet wird. Bei notwendigen Änderungen können bei einem Try-in-Termin die Arbeitsabläufe der Referenzprothese erneut greifen und die Informationen digital übermittelt werden.

Fazit

Digitale Totalprothetik ist 2026 keine Frage der Technologie mehr. Sie ist eine Frage der klinischen Entscheidungslogik – auf allen vier Ebenen. Der Behandlungserfolg entscheidet sich nicht im Workflow, sondern in der Indikationsstellung:

• Welche Strategie passt zum Patienten?

• Welche Datenerfassung ist sinnvoll?

• Wo sind Kompromisse notwendig und wo nicht?

Wer diesen Rahmen konsequent anwendet, arbeitet weder „analog" noch „digital", sondern klinisch indikationsgerecht. Das ist der eigentliche Fortschritt. Um prozessbedingte Sackgassen zu vermeiden, ist eine enge Kommunikation mit dem Labor unverzichtbar.